Styleguide nach dem Baxley-Modell

Styleguides sind essentielle Bestandteile der Softwareentwicklung. Wir haben gemeinsam mit Swisslab das „Universal Model of a User-Interface“ von Baxley zur Erstellung eines Styleguides adaptiert.

Eine Richtlinie zur Gestaltung von Software oder „Styleguide“ hat verschiedene Funktionen. Zum einen soll ein einheitliches Look-and-Feel über die Anwendung hinweg geschaffen werden, indem das Aussehen, Bezeichner und Formulierungen systematisch vergeben werden und indem ein einheitlicher Stil dafür angewandt wird. Neben diesen, eher Design orientierten Aspekten, sollen auch das Layout, die Aufteilung der Anwendung und die Art der Interaktion über verschiedene Module hinweg ähnlich sein, was durch Maßnahmen des Usability-Engineering abgedeckt wird. In einer konsistenten Anwendung kann von einem bekannten Teil leicht auf Neues geschlossen werden. Diese deduktiven Schlussfolgerungen sind die Grundlage für menschliches Denken: Wir lernen, indem wir Erlebtes verallgemeinern und in neuen Situationen bisherige Erfahrungen anwenden.

Insbesondere Hersteller von Betriebssystemen werden mit einer großen Menge verschiedener Programme konfrontiert und haben deshalb schon früh begonnen, Styleguides zu entwickeln. So gibt es elaborierte Versionen für Microsoft Windows, Mac OS X und Android, aber auch im Open Source Bereich von der Community geschaffene, wie etwa die Gnome Human Interface Guideline und die KDE Human Interface Guidelines. Diese Richtlinien sind zwar zumeist gut ausgearbeitet, genügen jedoch selten wissenschaftlichen Anforderungen. Belege für die zugrunde liegenden Annahmen, überprüfbare Untersuchungen und Fachveröffentlichungen zum Thema gibt es kaum.

Der in Zusammenhang mit Styleguides häufig genutzte Begriff „User Experience“, also das Nutzererlebnis mit dem Produkt, kommt aus dem Bereich Webdesign und trägt sowohl dem Design als auch dem Usability-Aspekt Rechnung. Eine hohe Vielfalt an Darstellungsmöglich­keiten und schnell evolvierende Standards machen Styleguides in diesem Bereich besonders notwendig, damit die Konsistenz einer Webseite über längere Zeit erhalten bleibt. Hierfür hat Baxley ein Modell vorgestellt, das wissenschaftlichen Kriterien näher kommt. Dieses Modell liefert eine theoretische Basis für die Entwicklung eines unternehmensspezifischen Styleguides.

Das „Universelle Modell für Benutzerschnittstellen“ besteht aus den drei Ebenen Struktur, Verhalten und Präsentation:

  • Unter der Struktur einer Anwendung fasst Baxley das konzeptionelle Modell als Metapher der Webseite, den Ablauf der Aufgabenbearbeitung und das organisatorische Modell im Sinne eines generischen Informationsfluss.
  • Beim Verhalten unterscheidet er zwischen Ansicht / Navigation, Editieren/Manipulieren und Unterstützung.
  • Die Präsentation besteht aus Layout, Stil und Text.

Der besondere Charme des Modells liegt in der Unterscheidung der Ebenen: Während die Präsentation dem Anwender am deutlichsten auffällt und eine hohe Flexibilität beinhaltet (und die häufigsten Diskussionen hervorruft), ist dieser Aspekt für die eigentliche Bedienung viel weniger von Bedeutung – eine schlecht konzipierte Anwendung lässt sich auch durch ein hübsches Design nicht aufwerten. Gerade die konzeptionellen Fragen werden oft nur unzureichend im Vorfeld einer Entwicklung definiert und bedingen dann einen hohen Aufwand in der Nachbearbeitung.

Gemeinsam mit Swisslab haben wir basierend auf dem Baxley-Modell einen Styleguide entwickelt; allerdings nicht für eine Webseite sondern für eine Desktopanwendung. Dabei zeigt sich, dass die Dreiteilung auch hier sehr sinnvoll ist:

  • Unter Struktur wird definiert, welche Vision die Anwendung hat, wer und in welcher Situation das Programm bedient wird und wie der grundlegende Aufbau sein soll. Gerade die Unterteilung in Konzept, Workflow und Informationsfluss deckt dabei Verbesserungsmöglichkeiten für das Unternehmen auf.
  • Unter Verhalten werden wie bei konventionellen Styleguides die Steuerelemente beschrieben. Im Gegensatz zu einer Webseite ist die Unterteilung für Desktopanwendungen aber nicht in dem Maße gegeben, da alle Steuerelemente auch eine Unterstützung beinhalten und viele sowohl zur Ansicht als auch zum Editieren genutzt werden können. Wir haben daher eine zusätzliche Ebene eingefügt, die eine Einteilung auf psychologischen Gesichtspunkten vornimmt:
    • „Allgemeine Navigation und Gruppierung“ für den Bereich „Ansicht / Navigation“,
    • „Selektion, freie Eingabe und Eingabe mit Begrenzungen“ für das „Editieren / Manipulieren“ sowie
    • vom „Benutzer initiierte Information, vom System gesteuerte Warnungen und den Arbeitsablauf unterbrechende Meldungen“ für den Bereich „Unterstützung“.
  • Die dritte Ebene Präsentation lässt sich wieder gut übernehmen, auch wenn der Stil einer hoch spezialisierten Anwendung im Sinne eines Brandings kaum von Bedeutung ist.

Insgesamt lässt sich das Modell mit wenigen Anpassungen also auch für Desktopanwendungen nutzen. Durch die sinnvoll gewählten Bereiche wird die Analyse erleichtert und das Ergebnis orientiert sich an den Zielgruppen des Styleguides:

  • Die Ebene Struktur für Usability Spezialisten,
  • Die Ebene Verhalten für Entwickler, sowie
  • Die Ebene Präsentation für Designer und Texter.